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Frauenstimmrecht in der Schweiz

Die wichtigsten Etappen des langen und steinigen Wegs zur Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen am 7. Februar 1971.

  • Auf dem Bundesplatz in Bern demonstrierten am 1. März 1969 mehrere tausend Frauenrechtlerinnen und weitere Personen für das Frauenstimmrecht und gegen die Unterzeichnung der europäischen Menschenrechtskonvention mit Vorbehalten. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str)

  • Zum Auftakt der Debatte im Nationalrat über die Unterzeichnung der europäischen Menschenrechts-Konvention demonstrieren am 12. Juni 1969 Frauenrechtlerinnen in der Eingangshalle des Bundeshauses mit Transparenten und Flugblättern für die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz. (KEYSTONE/Str)

  • Teilnehmerinnen demonstrieren an der 1. Mai Kundgebung im Jahr 1970 in Zürich für die Einführung des Frauenstimmrechts beim Bund und Kanton. (KEYSTONE/Str)

  • Gruppenbild mit zwölf Damen: Die ersten zehn 1971 gewählten Nationalrätinnen und die im Dezember 1971 und Juni 1972 nachgerückten Nationalrätinnen (Sahlfeld und Meyer) Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier, Hanna Sahlfeld (stehend vlnr), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (sitzend vlnr), aufgenommen im Juli 1972. (KEYSTONE/Str)

  • Nationalrat August Albrecht gratuliert am 2. Mai 1977 der neugewählten Nationalratspräsidentin Elisabeth Blunschy zu ihrer Wahl. Die Schwyzer CVP-Politikerin Elisabeth Blunschy wurde erste Nationalratspräsidentin und damit höchste Schweizerin. (KEYSTONE/Str)

  • Die neu gewählte Luzerner Ständeratspräsidentin Josi Meier (1926-2006) wird in Begleitung von zwei Bundesweibeln am 27. November 1991 auf dem Europaplatz in Luzern empfangen. Die CVP-Parlamentarierin wurde 1971 als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt. 1992 präsidierte sie als erste Frau den Ständerat. (KEYSTONE/Str) Als legendär gelten ihre Worte an der Frauensession 1991: "Erst heute begreife ich jene Männer, die mir am Anfang meiner Karriere sagten, die Frau gehöre ins Haus. Recht hatten sie. Die Frauen gehören ins Gemeindehaus, ins Ratshaus, ins Bundeshaus". 

  • Die stimmberechtigten Bürger lehnen am 29. April 1990 an der Innerrhoden Landsgemeinde von Appenzell, Schweiz, den Antrag auf die Einführung des Frauenstimmrechts mit grossem Mehr ab. Frauen und Besucher verfolgen von ausserhalb das Geschehen im Ring. (KEYSTONE/Str)

Erste vergebliche Versuche in den Kantonen

1868: Erstmals verlangten die Zürcherinnen anlässlich der kantonalen Verfassungsrevision das Frauenstimmrecht – vergebens. Kurz darauf wurde von erwerbstätigen Frauen der Schweizerische Arbeiterinnenverband gegründet. 1893 forderte dieser erstmals offiziell das Stimm- und -Wahlrecht für Frauen. In der Folge entstanden weitere Stimmrechtsvereine, die 1909 gemeinsam den Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht bildeten.

1904 nahm die Sozialdemokratische Partei (SP) das Frauenstimmrecht in ihr Parteiprogramm auf. Ab 1912 galt das Begehren offiziell als Kampfmittel gegen die Ausbeutung des Proletariats durch die kapitalistische Klasse. Im selben Jahr verlangte die SP im St. Galler Grossen Rat das kantonale Frauenstimmrecht – ohne Erfolg.

Zwischen 1914 und 1921 wurden in den Kantonen Basel-Stadt, Bern, Genf, Neuenburg, Zürich und Waadt Anträge für das Frauenstimmrecht eingereicht, die aber grösstenteils bereits in den Parlamenten scheiterten. In Genf, Neuenburg, Basel-Stadt, Zürich, Glarus und St. Gallen wurde zwischen 1919 und 1921 über das Frauenstimmrecht abgestimmt. Alle Abstimmungen endeten jedoch mit einem negativen Ergebnis.

Erste Vorstösse auf nationaler Ebene

In derselben Zeit wurden im Nationalrat erstmals zwei Motionen für das eidgenössische Frauenstimmrecht eingereicht; sie wurden von den Räten zu Postulaten abgeschwächt. 1919 wurden sie an den Bundesrat überwiesen, der sie aber für Jahrzehnte in der Schublade verschwinden liess.

1929 reichte der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht mit Unterstützung weiterer Frauenorganisationen, der SP und der Gewerkschaften auf Bundesebene eine Petition für das Frauenstimmrecht mit 249 237 Unterschriften (78 840 von Männern, 170 397 von Frauen) ein. Auch sie blieb jedoch folgenlos.

Gescheiterte Versuche auf kantonaler Ebene während des 2. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit

In den 1930er-Jahren ging mit der Wirtschaftskrise und dem Erstarken politisch konservativer und faschistischer Strömungen eine starke Betonung der Aufgaben der Frau im häuslichen Bereich einher. Dies rückte die Anliegen der Frauenstimmrechtsbewegung vorübergehend in den Hintergrund.

Im 2. Weltkrieg setzten sich die Frauenverbände mit der Hoffnung auf politische Rechte verstärkt in der Volkswohlfahrt ein. Dennoch wurden 1940 in Genf und Neuenburg erneut Vorlagen für das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht verworfen. Im Nationalrat wurde 1945 ein Postulat für das Frauenstimmrecht an den Bundesrat überwiesen. In der Aufbruchsstimmung der ersten Nachkriegsjahre fanden einige Abstimmungen über das kantonale oder kommunale Frauenstimmrecht statt (1946 Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Genf, Tessin; 1947 Zürich; 1948 Neuenburg, Solothurn; 1951 Waadt). Sie gingen jedoch alle negativ aus. 1951 publizierte der Bundesrat einen Bericht, in dem er angesichts der kantonalen Misserfolge eine eidgenössische Abstimmung über das Frauenstimmrecht als verfrüht erachtete.

Ablehnung des Frauenstimmrechts in der ersten Volksabstimmung auf Bundesebene im Jahr 1959

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1950er-Jahren blieb die politische Grundhaltung in der Schweiz weiterhin konservativ. Nur der Kanton Basel-Stadt ermächtigte 1957 seine drei Bürgergemeinden, das Frauenstimmrecht einzuführen. Am 26. Juni 1958 stimmten in Riehen erstmals auch die Frauen auf Gemeindeebene ab.
Als der Bundesrat 1957 die Schweizerinnen mit einem Zivilschutzobligatorium in die Landesverteidigung einbinden wollte, wehrten sich der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht, der Schweizerische Katholische Frauenbund und der Bund Schweizerischer Frauenorganisationen dagegen, den Frauen neue Pflichten bei weiterhin fehlenden politischen Rechten aufzubürden.

Da die öffentliche Kontroverse das Zivilschutzprojekt gefährdete, legte der Bundesrat einen ersten Entwurf zur Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene vor. Mit Unterstützung der Gegner des Frauenstimmrechts im Parlament, die eine Ablehnung durch die Stimmbürger herbeiführen wollten, passierte die Vorlage 1958 beide Räte. Vor dem Urnengang befürworteten SP, LdU und PdA das Frauenstimmrecht. Die FDP und die konservative Volkspartei gaben die Stimme frei, die BGB beschloss die Nein-Parole. Das Begehren wurde 1959 mit 654 939 (66,9 %) Nein gegen 323 727 (33 %) Ja bei einer Stimmbeteiligung von 66,7 % deutlich abgelehnt. Nur die Kantone Waadt, Genf und Neuenburg stimmten zu.

Die ersten Kantone führen das Frauenstimmrecht ein

Am gleichen Tag im Jahr 1959, an dem das Frauenstimmrecht auf Bundesebene abgelehnt wurde, führte der Kanton Waadt das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht ein. Neuenburg folgte im selben Jahr, Genf 1960. Als erster Kanton in der Deutschschweiz stimmte Basel-Stadt 1966 dem kantonalen und kommunalen Frauenstimmrecht zu. Basel-Landschaft und das Tessin taten es ihm 1968 beziehungsweise 1969 gleich.

Frauenstimmrecht auf Bundesebene seit 1971

1968 plante der Bundesrat die Unterzeichnung der europäischen Menschenrechtskonvention unter Ausschluss des Frauenstimmrechts. Die Frauenverbände, die eine weitere Verschleppung ihres Anliegens befürchteten, liessen sich von der Frauenbefreiungsbewegung inspirieren und protestierten massiv. Angesichts der ohnehin gesellschaftlich angespannten Lage in den späten 1960er-Jahren musste sich der Bundesrat nun mit einer neuen Abstimmungsvorlage zum Frauenstimmrecht beeilen. Da eine Annahme durch die Stimmbürger diesmal wahrscheinlich schien, hielten sich die Gegner zurück – keine Partei wollte sich die Gunst potenzieller Wählerinnen verscherzen.

Am 7.Februar 1971 dann endlich der Erfolg für die Schweizer Frauen: Die Stimmbürger nahmen das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht für Frauen mit 65,7 % Ja- zu 34,3 % Nein-Stimmen an – 53 Jahre nach Deutschland, 52 Jahre nach Österreich, 27 Jahre nach Frankreich und 26 Jahre nach Italien. Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus, Obwalden, Schwyz, St. Gallen, Thurgau und Uri lehnten das Begehren nach wie vor ab.

Kantone und Gemeinden folgen dem Beispiel des Bundes

Im Zuge der Entwicklung auf Bundesebene führten die meisten Kantone kurz vor, nach oder zeitgleich mit dem eidgenössischen Frauenstimmrecht auch das kantonale und teilweise das kommunale Frauenstimmrecht ein. Manche Gemeinden verzögerten die Einführung des Frauenstimmrechts bis in die 1980er-Jahre. In Appenzell Ausserrhoden entschied erst 1989 ein knappes Handmehr an der Landsgemeinde zugunsten des Frauenstimmrechts. Im Kanton Appenzell Innerrhoden brauchte es gar einen Bundesgerichtsentscheid: Am 27. November 1990 entschied das Bundesgericht, dass auch in Innerrhoden die Frauen ab sofort stimmberechtigt waren; am 28. April 1991 konnten die Frauen des Kantons Appenzell Innerrhoden erstmals kantonal abstimmen.

Erste Wahlen mit weiblicher Beteiligung im Jahr 1971

Im Herbst 1971 wählten die Schweizerinnen und Schweizer zehn Nationalrätinnen und eine Ständerätin ins Parlament. Eine elfte Nationalrätin rutschte schon nach wenigen Tagen für einen Mann nach, der in den Ständerat gewählt worden war.
Seither ist der Frauenanteil im Nationalrat mehr und mehr gestiegen 1983: 11 %; 2003: 26 %; 2015: 32 %), während die Entwicklung in der kleinen Kammer langsamer und schwankender verläuft (1983: 6,5 %, 2003: 23,9 %; 2015: 15,2 %).

Vertretung der Frauen in den eidgenössischen Räten

1977 wurde die Schwyzer CVP-Politikerin Elisabeth Blunschy erste Nationalratspräsidentin und damit höchste Schweizerin. Es dauerte bis 1991, bis mit der Luzernerin Josi Meier (CVP) die erste Frau zur Ständeratspräsidentin gewählt wurde.

Die Frauenrepräsentation in den politischen Institutionen –Bundesamt für Statistik (auf Deutsch und Französisch)